Nordische Filmtage Lübeck

Aus Wattopedia
Wechseln zu: Navigation, Suche

FilmlogoLuebeck.jpg Für den nachstehenden Artikel wurde die Autorin Gerda Vorkamp von der Ethik-Komission des Wattikans für den Ehrentitel Dr. h.c. wattpsych nominiert.

Pressestimmen

Meerkampf. Watt?“ – Watt? Wirklich ‘ne Doku?

Von Gerda Vorkamp Mittwoch, 11. November 2009

Da stehen ein paar Herren in schneeweißen Laborkitteln knöcheltief im schwarzen Schlick, füllen das Zeug sorgsam in Dosen ab, während sie ernsthaft über ihr Tun philosophieren. Auf dem nahen Deichweg steht ein handbetriebenes Maschinchen bereit, das aus den Dosen dann anständig verschlossene Konserven entstehen lässt mit dem eindeutigen Aufdruck: 1 Kilo Watt.

Regisseur Frank D. Müller

Was anfangs vielleicht noch entfernt an ein wissenschaftliches Experiment anmutet, entpuppt sich nun als Teil der weitläufigen Vorbereitungen zur Wattolümpiade, und was jedes Dithmarscher Kind weiß – ein Kilowatt ist nichts weiter als zwei Pfund Schlick –, lässt sich augenscheinlich konkret umsetzen und werbewirksam an Touristen verscherbeln. Ein paar verbale wie optische Vorgriffe auf den eigentlichen Wettkampf lassen keine Zweifel mehr aufkommen, dass wir einem skurrilen Treiben beiwohnen werden, das seinesgleichen sucht und dem ausgefallenen Humor nordischer Filme à la Bent Hamer in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Die Realität überflügelt hier so manche Fiktion. Vom Wattikan professionell, aber mit unnachahmlicher Eigenironie durchorganisiert, messen sich hier Wattleten in Sportarten wie Fischtennis, Aal-Staffellauf (mit Kunstaal aus nudelgefüllten Fahrradschläuchen; echte Aale lassen sich einfach nicht halten), Watt-Ballspielen aller Art, getragen vom übergeordneten Prinzip der Watt-Psychologie (hat nicht jede Lebensform vielleicht doch einen eigenen Stern im All?) und dem angegliederten Wattstock-Festival, das zu dokumentieren allerdings den Rahmen dieses Films sprengen würde. Es treten Mannschaften an wie die „Mopsgedackelten Watthunde“, echte Esten (anfangs noch nicht völlig betrunken) oder ein sechsköpfiges Frauenteam wie das „Sixpack Meldorf“, das sich in knallbunt karnevalistisch angehauchter Verkleidung auf einen gemeinsamen Schlachtruf hin bäuchlings in die Pampe stürzt.

Nicht nur wir, die Zuschauer, auch die Deichschafe sind fassungslos ob dieser wetterunabhängigen, völlig absurden Turbulenzen am ansonsten friedlichen Elbufer. Empörtes Blöken untermalt die mahnenden und besorgten Worte des Schäfers, für die Schafe seien diese Tage der pure Stress, könnten sie doch ihre gewohnten schmalen Trampelpfade, auf denen sie womöglich die Grasnarbe schützen würden oder es einfach gemütlicher hätten (denn vor Wölfen könnten sie ja kaum mehr flüchten wollen), nun nicht mehr benutzen. Wenn es denn nicht für einen so guten Zweck wäre, würde er diesem Spektakel nicht zustimmen, aber so … – auch er habe ja einen Bruder, der an Leukämie erkrankt wäre …

Jens Rusch Klamauk und Krebs? Wie um alles in der Welt passt so etwas zusammen? Der gekonnte und behutsam gestaltete Film macht das mehr als deutlich und erinnert Gott sei Dank dennoch nicht im Geringsten an eine Reality-Show mit ihren ganzen Peinlichkeiten. Der Zweck muss hier die Mittel nicht heiligen; sie sind zwar äußerst ungewöhnlich bis unglaublich, aber auch äußerst liebenswert. Wenn Künstler Jens Rusch plötzlich das Wort „Krebsdiagnose“ ausspricht, muss man allerdings erst einmal kurz umschalten, um zu verstehen, dass es jetzt nicht um die Bestimmung von Garnelen geht, sondern um den ernsten Hintergrund dieser Veranstaltung. Die Wattolümpiade gibt es tatsächlich schon seit Jahrzehnten, so lange Regisseur Frank D. Müller, Jahrgang 62, aufgewachsen in Brunsbüttel, denken kann. Eine Benefizveranstaltung daraus zu machen, deren Erlös der Krebsberatung zugute kommt, war die Idee von Jens Rusch, nachdem er selbst an Krebs erkrankt war. Als Ursache für seine Krankheit vermutet er den jahrelangen Umgang mit giftigen Chemikalien und Dämpfen, denen er bei seiner Arbeit als Künstler ausgesetzt war. Aber in den Köpfen der Menschen sind eben auch die Begriffe Brunsbüttel und Kernkraft untrennbar verwoben; die Krebsrate in diesem Dithmarschen liegt erschreckend hoch (auch zwei Mitwirkende am Film sind mittlerweile an Krebs verstorben), und so streift die Kamera bisweilen wohl nicht von ungefähr, aber dennoch unaufdringlich Industrieanlagen und das nahe KKW – eingestreut zwischen immer wiederkehrenden Naturaufnahmen von berückender Schönheit mit langen Standbildern auf- und ablaufenden Wassers in den Prielen, perlender und prickelnder Wattoberflächen und daraus aufschießender Wasserfontänchen der tief im Schlick verborgenen Sandklaffmuscheln, prächtiger Wolkenformationen mit oder ohne Gewitter und langsam vorbeiziehender Ozeanriesen. Der Kontrast zum überbordenden Treiben der Wattolümpiade könnte größer nicht sein.

Da rüstet man sich inzwischen in sturmumtosten Mannschaftszelten, Wohn- und Verkaufswagen mit Hilfe der Feuerwehr, die warme Watt-Duschen anbringt, und sonstigem technischen Know-how (einschließlich Absammeln des Schafkots vom Deich mit ernsthaft geäußerten Überlegungen, ob sich das Zeug nicht trocknen, pressen und ähnlich dem Guano vermarkten lässt ...) für den Höhepunkt des Jahres, für den es nicht viele Termine zur Auswahl gibt, denn unabdingbar ist ein Niedrigwasser an einem Wochenende im Sommer etwa um 15 Uhr. Das gibt es nicht allzu oft. Und natürlich wird im Vorfeld auch schon trainiert. Das sieht, ebenso wie der „Ernstfall“, einfach nur bescheuert aus, denn es lässt sich nun mal im Schlick nicht laufen,* in dem eine ausgewachsene Person durchaus auch bis zur Hüfte versinken kann, Bälle rollen einfach nicht, klatschen nur dreckspritzend auf, wer fällt (und es fallen alle), wird schwarz und schwärzer, am Ende lassen sich die Spieler der eigenen Mannschaft nicht mehr von denen der gegnerischen unterscheiden. Alles glänzt gleichermaßen von Kopf bis Fuß schlammüberzogen. Mit Mühe werden Münder zur Nahrungsaufnahme freigewischt. Das durchgepflügte Spielfeld – welch ein Segen und ideale Voraussetzung! – wird ohne weiteres Zutun durch die nächste Flut vollkommen geebnet und perfekt in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Nebenan wird noch ein symbolträchtiges Kunstwerk ins Watt gesetzt: eine riesige Tür, die sich mittels eines recht einfachen Mechanismus bei Flut selbsttätig schließt und bei Ebbe wieder öffnet. Jens Rusch ruft nach einer Angel. Als sie gebracht wird, kann endlich das ersehnte Foto „zwischen Tür und Angel“ entstehen. Noch Fragen?

Wie voller Optimismus erwartet, spielt nach recht unwirtlichen Tagen das Wetter bestens mit. Die Wattolümpiade geht wie seine große Schwester mit Pauken und Trompeten, olympischem Feuer, dem Einzug der Wattleten und begeistertem Publikum über die Elbdeich-Bühne. Sixpack Meldorf landet auf dem vierten Platz, die Esten sind mal wieder unschlagbar. Später sitzen die Herren des Wattikans, ihrer weißen Kittel jetzt entledigt und erledigt von den Strapazen der vergangenen Tage, vor einem Haufen eingenommener Münzen und Scheine, die es nun noch zu zählen gilt. Am Ende sind ca. 18.000 Euro für die Krebsberatung zusammengekommen. Eine Wohltat! Jens Rusch wirkt wehmütig im Rückblick auf sein fünfjähriges zielstrebiges und erfolgreiches Tun, aber auch zufrieden im Wissen darum, dass Jüngere seine Arbeit fortsetzen werden, falls ihm plötzlich keine Zeit mehr geschenkt sein sollte.

Der Film will im kommenden Jahr einen Kinostart wagen. Ihm ist ein großes Publikum zu wünschen, und das wird begeistert sein!

  • Es soll doch nicht unerwähnt bleiben, dass „Nordic Walking“ lediglich ein Überbleibsel des ursprünglichen „Nordic Watting“ darstellt, die Fortbewegungsart der Postboten in der Watt- und Halligwelt auf Skiern, wobei Letztere doch leider öfter vom Schlick erfasst wurden und verloren gingen, sodass schließlich bloß die Stöcke als Hilfsmittel übrig blieben.

Filmszenen: (c) Frank D. Müller und Circles Filmproduktion Quelle: Unser Lübeck